OPPA JUPP UND DER NIKOLAUS

Oppa, was wünschst Du Dir zu Weihnachten?

Ein Herzchen voll Liebe, die Augen voll Licht, das will ich haben, mehr brauche ich nicht!

Keine Kekse??!!!

DOCH!!! Und ene Kartojng Engelsaugen!!

Und so trug es sich zu, dass ich in der Vorweihnachtszeit dem immer gleichen Ritual folgend, Blech um Blech Engelsaugen für Oppa Jupp in den Ofen schob, bis eine große Kiste prall gefüllt darauf wartete, feierlich übergeben zu werden. Engelsaugen sind besondere Kekse. Magische Kekse, die aus der Schwiegerfamilie über viele Generation tradiert, ihren Weg zu uns und zu mir als Hüterin der Backtradition fanden. Nach freudestrahlendem Überreichen der schweren Kiste – wog sie weniger als zwei Kilo gab´s ein enttäuschtes Gesicht – wurde Oppa Jupp Hüter des Keksschatzes, verstaute diesen sorgsam auf dem Vertiko in seinem Schlafzimmer, um jeden Keks feierlich zu holen und auch unter besonderen Umständen mit ihm lieben Menschen zu teilen. Jeder kannte den Wert dieser Kiste und jeder war sich der besonderen Gunst bewusst, wenn Oppa Jupp ein Engelsauge teilte.

Weihnachtszeit ist Oppa Jupp Zeit. Jedes Jahr und immer wieder. Auch wenn es seine physische Anwesenheit nicht mehr gibt, sein Geist, seine Seele begleiten mich tagein tagaus, war er einfach der mich vielleicht am meisten prägende Mensch in meinem Leben. (Danke Universum!!! Mir ist viel Elend erspart geblieben ;-)) Die Erinnerungen, die sind oft sehr lebendig.

Oppa Jupp hatte an Hl. Abend morgen die ehrenwerte Aufgabe den Baum zu schmücken…aber das ist eine andere Geschichte…die muss bis zum nächsten Jahr warten. Ich wollte die Nikolausgeschichte mit Euch teilen.  

Also! Im katholisch geprägten Rheinland war Nikolaus ne große Nummer. Nicht nur schön, sondern tatsächlich auch mit einer gewissen Angst besetzt, denn der Nikolaus brachte seinen Gefährten mit, Knecht Rupprecht, der war ganz schwarz, rasselte mit schweren Ketten und hatte einen Sack, in den die Kinder kamen, die übers Jahr nicht brav gewesen waren. Auch diese Geschichte, schwarzer Pädagogik ist eine andere und wird ein andermal erzählt.

Tradition war es, dass ich, wie so ziemlich alle Kinder, am Nikolausvorabend einen Teller und ein Stiefelchen aufstellte, die der Nikolaus über Nacht mit Apfelsinen, Mandarinen, Nüssen, Süßigkeiten und einem kleinen Spielzeug füllte. Ich erinnere mich noch genau an das aufstellen vom Teller , an die verzauberte Stimmung – ich hatte einen kleinen Suppenteller mit Huhn und Kükenbemalung am Grund, der mich immer dazu veranlasste, so viel zu essen, bis diese sichtbar wurden…. Auch an jenem Abend – ich mag so fünf – sechs Jahre alt gewesen sein. Da stellte ich meinen kleinen Teller auf dem Küchentisch auf, das Stiefelchen auf dem Boden daneben, als Oppa Jupp aus dem Keller herauf polterte und neben meinem Tellerchen eine Zinkwanne deponierte.

Kein Tellerchen, keine Schüssel – nein, ein Zinkwanne mit mindestens 80 Liter Fassungsvermögen… Mir fielen die Augen fast aus dem Kopf.

Um anschließend neben meinem winzigen Stiefel, der eher ein halbhoher Schuh war, seinen riesigen Gartenwintergummistiefel  – Größe 44 – zu platzieren. Meine Augen wollten nicht wieder zurück in ihre kuscheligen Höhlen. Fassungslos stand ich daneben, als Oppa Jupp sagte: Mal sehen, was der Nikolaus mir bringt. Oppa Jupps Grinsen, von einem Ohr zum anderen, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht wahrnehmen.

Ansonsten nicht auf den Mund gefallen, blieb mir an dieser Stelle die Luft und damit auch die Sprache weg. Die hatte sich zwischen Huhn und Küken gebettet… Ich war still empört und bebte innerlich, was ein einschlafen unmöglich machte. Nachdem es im Haus still wurde und alle sich in ihre Betten verzogen hatten, stand ich das erste Mal auf, um zu gucken, ob ich den Nikolaus erwischte, um meiner Empörung über diese dreiste Maßlosigkeit Luft zu machen. Der war allerdings noch nicht da! Und auch die nächsten gefühlt 20 Male war er noch nicht da…klar, der hatte ja auch ne Menge zu tun… In meiner Erinnerung habe ich in dieser bedeutungsschwangeren Nacht kein Auge zu getan, so aufgeregt, so empört, wartete ich verzweifelt darauf, den heiligen Mann im roten Gewand zu erwischen.

Irgendwie muss ich dann doch geschlafen haben, denn als ich im Morgengrauen um die Ecke in die Küche schoss, erkannte ich gleich im Dämmerlicht, dass Teller und Zinkwanne prall gefüllt waren, aus Schuh und Stiefel ragte hoch etwas raus. Rumms, haute ich die Lichter an, überschaute mit einem Blick, was der Nikolaus gebracht hatte, brüllte aufgeregt durchs ganze Haus, dass der Nikolaus da gewesen ist. Oppa Jupp kam im gestreiften Pyjama, Omma Mary in Nachthemd und Strickjacke… Mein Tellerchen, mein Schuh, waren bunt gefüllt wie immer, Oppa Jupps Zinkwanne war hoch gefüllt mit Kohlen und Briketts, aus seinem Stiefel ragte ein große Rute, an der ein winziger Schokoladennikolaus neben einem Flachmann mit Korn hing (nicht dass ich mich erinnere Oppa Jupp jemals Korn trinken zu sehen…) und Oma Mary sagte zu Oppa Jupp:

Siehste Jupp! Ich hab Dir gesagt, dass Du nicht so gierig sein sollst. Das haste nun davon.

Und so war ich glücklich, hatte nebenbei die Lektion über die Auswirkungen von Gier gelernt, die selten Gutes bringt. Es ging nicht um falsche Bescheidenheit, sondern um das rechte Maß.

Auch heute noch an all die liebevollen Lektionen denkend, sitze ich hier und bin unendlich dankbar für diese wertvollen Menschen, die meine Kindheit begleitet haben. Danke Oppa Jupp, danke Omma Mary!

4 Antworten auf „OPPA JUPP UND DER NIKOLAUS“

  1. wie schön, endlich mal wieder eine Geschichte von Oppa Jupp und der wundersamen Zeit, die Dich prägte, liebe Kerstin. So, wie Du darüber erzählst, bin ich schwuppdiwupp selbst am linken Niederrhein und sehe alle Beteiligten deutlich vor mir. So besonders! Danke!

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