OPPA JUPPS OSTERFREUDE

Oppa Jupp, OPENMINDYOGA, Kerstin Hilgers

Oppa Jupp, OPENMINDYOGA, Kerstin Hilgers

…oder, wie die Dinge aus dem Ruder laufen können…

Ostern nähert sich mit großen Schritten… Osterzeit ist Oppa Jupp Zeit… Aber eigentlich ist jede Zeit Oppa Jupp Zeit. Oppa Jupp ist immer da. Dennoch tanzen die Gedanken an unvergessliche Kinder-Ostersonntage jedes Jahr aufs Neue und schlagen Erinnerungskapriolen kindlicher Freude. Ostersamstag fing der heilige Osterzirkus an, Eierfärben in Mutter Marys Küchenheiligtum war lustiger Weise Männer- und Ehrensache für Oppa Jupp. Erst wurden die Eier fachgerecht und sorgfältig angepiekst. Dann ließ er sie vorsichtig mit dem Esslöffel ins kochend sprudelnde Wasser gleiten. Während die Eier kochten, hatte Oppa Jupp die Uhr argwöhnisch im Auge – 8 Minuten Kochzeit durften auf keinen Fall überschritten werden, damit das Eigelb keinen graugrünen Rand bekam-, wurden die kleinen Farbplättchen in Essig und kaltem Wasser in hübsch drapierten Schälchen aufgelöst. Schlug die Uhr acht Minuten, holte Oppa Jupp die Eier aus dem kochenden Wasser, um sie vorsichtig abzuschrecken. Als Kind habe ich nie so ganz verstanden, warum dieser Vorgang abschrecken hieß…kein Gruseln, kein schreien, kein Monster weit und breit… nicht mal ein Klitzekleines. Im Sommer der folgte wurde ich eines Besseren belehrt, als Oppa Jupp den Wasserschlauch mit eiskaltem Wasser auf mich richtete und ich erschreckt quietschend davonstob…Oppa Jupps Lachen im Nacken…siehste genau wie bei den Ostereiern…okay, okay…die Sache mit dem abschrecken war irgendwie verstanden.

Während also Oppa Jupp die hartgekochten Eier liebevoll im Farbbad hin und her schob, damit sich nur ja keine blasse Stelle auf dem Ei entwickelte, bekam das quengelnde Kind, bekam also ich, merkwürdig anmutende glibbrige Farbstäbchen in die Hand gedrückt, mit denen auch ich schneeweiße Eier, die zuvor mit Hamsterbacken und vereinten familiären Kräften ausgepustet worden waren, bemalen und betupfen durfte… gefühlt hat es bis in die Pubertät gedauert, bis sich die Farben so von einander trennten, wie ich es mir vorgestellt hatte und nicht mehr braun grüne Sumpflandschaften mit Brueghelcharakter auf den Eiern hinterließen. Dennoch nicht entmutigt entstand ein Kinderfrühwerk nach dem nächsten, mehr Farbe auf dem Kind, als letztendlich auf den Eiern, bis Oppa Jupp das Prozedere der perfekt gefärbten Ostereier abgeschlossen hatte. Wir waren stolz und bewunderten die jeweiligen Ergebnisse. Beim Pollieren der gefärbten Eier, mit einer von Oma Mary geklauten Speckschwarte, durfte ich Oppa Jupp dann wieder zur Hand gehen. Farbenprächtigste, formvollendet makellose und auf Hochglanz gebrachte Eier standen am Ende für  den Osterhasen abholbereit.

Während Oppa Jupp und ich unserem gewichtigen Treiben nachgingen, trudelten meistens schon Mutter Marys Bruder – Onke Pepi in eleganter Begleitung – mit Tante Käthchen auf der Bildfläche des österlichen Szenarios auf. Mit einem weiteren nicht unwichtigen Accessoire für das bevorstehende Osterfrühstück – dem berühmten Flockenkalb, das, nach erstmaliger Einführung, niemals mehr fehlen durfte. Das Flockenkalb war ein eigens für das bevorstehende Großereignis gebackene Osterlamm aus süß zitronigem Teig mit fellimmitierenden Kokosraspeln bestreuselt.

An den Rest des Samstags fehlt mir jede Erinnerung. Die setzt erst wieder am Ostersonntag – früh morgens ein, das ganze Haus noch mehr oder minder im Tiefschlaf, als ich auf der Lauer liegend darauf wartete, endlich den Osterhasen auf frischer Tat zu ertappen. Wirklich gelungen ist mir das nie!!! Denn der Osterhase wusste nur allzu genau, dass das aufgeregte Kind sehr früh auf den Beinen sein würde und war noch viel früher unterwegs. Um sich dann wieder gemütlich ins Bett zu kuscheln, was sich mir erst Jahre später offenbarte. Genau genommen gab es bei uns nicht nur einen Osterhasen sondern zwei. Oppa Jupp und Onkel Pepi, die eine diebische Freude beim Suchen und Finden der abenteuerlichsten Verstecke hatten.

Die Krönung des ausgeklügelsten Verstecks trug sich zu, als ich gerade so sechs war, im Frühling vor der Einschulung. Die ganze Versteckerei erfolgte nach einem sehr stringenten Plan. Die gefärbten Eier wurden einzeln versteckt, das ein oder andere blieb bis zum Sommer verschwunden und wurde erst durch seinen strengen Geruch an heißen Sommertagen gefunden. Dann gab es eine Handvoll kleinerer Moosnester, die mit Schokoladen- und Nougateiern, bunten Schaumeiern und zweifarbigen Waffeleiern bestückt waren. Und dann gab es ein großes Hauptnest, das wichtigste Ziel meiner kindlichen Jagd, in dem ein kleines Spielzeug lag. Aber viel wichtiger war der große goldene Schokoladenosterhase,  mit rotem Bändchen und güldenem Glöckchen das klingelte, den Onkel Pepi, der Bruder meiner Oma, immer direkt aus der Schweiz mitbrachte, um ihn dem Osterhasen zu übergeben. Und der wie ein Hüter der Zeit glänzend über allem thronte. Für das große Osternest wurde immer ein besonders schwierig zu findender, mit großer Raffinesse ausgetüftelter,  beinahe an Heimtücke grenzender, Platz gesucht. Mal wurde das Nest in einen Baumwipfel hochgezogen, aber gerade noch zu erkennen, mal ins Vogelhäuschen gequetscht,  mal lag es unter braunen Tannennadeln im Wäldchen vergraben…Auf meinen Suchen begleiteten mich die Stimmen von Oppa Jupp und Onkel Pepi…warm, wärmer, kälter….gaaaanz kalt…heiß.

Und dann kam dieser eine besagte Ostersonntag, der mein kleines Kinderherz sehr ins Wanken und schließlich ins Taumeln brachte. Nachdem ich so ziemlich alle Eier gefunden hatte, die kleinen Nestchen stolz auf Oppa Jupps Gartenbank drapiert hatte, blieb das große Osternest mit der goldenen Trophäe für mich verschwunden. Jeden Winkel, jede Ecke hatte ich durchstöbert, jedes noch so kleinste Blättchen dreimal umgedreht… Alles hatte ich abgesucht…mehrfach und immer und immer wieder… Wenn ich an Oppa Jupps Treibhaus vorbeikam, hörte ich die beiden Männer sagen: wärmer, wärmer, sehr warm und an den riesigen Regenwassertonnen: sehr heiß… aber da war einfach nichts… nicht davor, nicht dahinter, nicht dazwischen…nirgends… es war zum verzweifeln…was ich nach der zehnten erfolglosen Runde ums Treibhaus auch tat. Ich verzweifelte! Tränen der Wut und Enttäuschung brachen sich ihre Bahn. Ich war nicht zu beruhigen….

Oppa Jupp und Onkel Pepi, die bis dahin eine Riesenfreude damit hatten, dass ihr Versteck unentdeckt blieb, verstummten mit ihrem feixen schlagartig. Oh je, den Spaß auf die Spitze getrieben und darüber hinaus, nahm Oppa Jupp mich auf den Arm, sprach beruhigend auf mich ein…aber ich war nicht zu beruhigen…schluchzte und bebte an seinem Hals… Dann hielt Oppa Jupp mich über die Regentonne, die wesentlich größer war, als ich, hob den Deckel an…und da schwamm es, das große Osternest in einer Plastikschüssel – mit dem goldenen Hasen mittendrin!

Ich war so wütend auf diesen scheiß blöden bekloppten Osterhasen… schimpfte wie ein Rohrspatz, während die Tränen weiter kullerten…bis Oppa Jupp und Onkel Pepi mir sagten, dass es nicht der Osterhase war, sondern dass sie – die beiden – selber es gewesen waren, die das Nest in die Tonne gesetzt hatten! Weil sie im Auftrag des Osterhasen das allerbeste Versteck finden sollten…Tolle Wurst!! Ich schnappte eine gefühlte Ewigkeit nach Luft und beruhigte mich wieder. Schließlich war der goldene Hase da. Und irgendwie geriet meine kleine große Kinderwelt wieder in Ordnung…denn der Osterhase war nicht gemein und letztendlich hatten die beiden mir schließlich beim finden geholfen.

Ich habs überlebt und sämtliche Lindthasen auch. Ich konnte die nicht essen, brachte es einfach nicht übers Herz. Oppa Jupp auch nicht und so hat er sie gesammelt. Und so fanden wir in Oppa Jupps Wohnzimmerschrank nach seinem Tod ungefähr 13 mumifizierte Lindthasen, die immer noch in ganzer Pracht golden leuchteten und klingelten.

Oppa Jupps Geschichten haben immer was mit Yoga, yogischem Leben zu tun, sind manchmal Gleichnisse… Aber diese Ostergeschichte??? Vielleicht, dass kindliche Freude – in diesem Fall Oppa Jupps Freude am perfekten Versteck – so groß sein kann, dass man kurzfristig das Gegenüber vergisst und nicht merkt, dass man den Bogen überspannt. Das kann passieren. Ohne Harm. Ohne böse Gedanken… einfach so! Aber wenn so etwas passiert, ist es wichtig, wie man anschließend damit umgeht, wenn das Kind sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist… und meines Erachtens hat er es richtig gemacht… er hat das Kind herausgezogen, die Ehre des Osterhasen wieder hergestellt, das Kind in den Arm genommen und nicht das Kind – also mich jetzt –  glauben gemacht, es wäre doof…

Ich vermisse Oppa Jupp und sein liebevolles Wesen und sein intuitiv lebensbejahendes Wissen an jedem einzelnen Tag… und gerade jetzt besonders, in einer Zeit, in der viele Menschen alles tun, damit uns unsere Welt und unser Leben um die Ohren fliegt…. Es müsste ein paar mehr Oppa Jupps in dieser Welt geben…

Oppa Jupp mit Perücke, OPENMINDYOGA, Kerstin Hilgers

 

 

 

Oppa Jupp mit Tante Gustis Perücke, Apfelsinen in der Weste und einer Rose im Mund…

„Sei verrückt … wann immer Du kannst … „

DIE GESCHICHTE MIT DEN LIEBESPERLEN…

die Geschichte mit den Liebesperlen copy

oder was es mit der Wahrheit auf sich hat…

Da gab es den Bruder von Oppa Jupp, Onkel Hans, der mit seiner Familie im Haus gegenüber wohnte. Zu der Familie die in Onkel Hans lebten, gehörten seine Frau, sein Sohn mit Frau und deren drei Töchter– meine drei Großcousinen. Als Einzelkind war ich froh, nur mal eben über den Wendehammer – der immer nur „der Platz“ hieß – sausen zu können, um jederzeit Spielkameradinnen vorzufinden.

Onkel Hans war ganz anders als Oppa Jupp. Onkel Hans war laut, schimpfte oft mit uns Kindern, hatte eine furchteinflößend laute Stimme. Ich erinnere ihn in seinem weißen Rippenunterhemd, das locker über der Arbeitshose hing, mit hochrotem Kopf die Fäuste schwingend und uns Kindern  hinterher brüllend, wenn er sich durch uns gestört fühlte. Wir hatten tatsächlich Angst vor ihm, besser man ging Onkel Hans aus dem Weg. Was auch kein Problem war. Unsere Kinderwege waren voller paradiesischer Verstecke, geheimer Winkel und hoher Bäume, in denen man einfach unsichtbar werden konnte.

Gerne trugen wir Kinder unser Taschengeld in das „Büdchen“, einem Kiosk, zwei Straßen weiter. Da bekam man einfach alles! Für 50 Pfennig hatte man 5 Wassereis, eine Tüte voller Gummizeugs, dass man sich aus großen Behältern einzeln herausfischte, oder aber auch ein Fläschchen mit Liebesperlen, dessen Verschluss so einen Nuckel hatte.

Es war ein heißer Sommertag, ich spielte mit meinen Cousinen – wie so oft –  unendlich lange Rollenspiele, Vater, Mutter, Kind – so in der Art, der große Birnbaum war das Haus, jeder große Ast auf dem man sitzen konnte, war ein Zimmer. Am Nachmittag kam unsere Büdchen-Zeit, wir trugen unsere Groschen in den kleinen Laden, Wassereis, saure Gummibärchen; meine Wahl fiel auf das Fläschchen mit den bunten zuckrigen  Liebesperlen. Bald nach dem wir mit unseren Schätzen in unser Baumhaus zurückgekehrt waren, ereilte meine Cousinen der Ruf, nach drinnen zu kommen. Da stand ich nun mit meinen Liebesperlen! Zu viele, um sie alleine zu essen, nach Hause bringen konnte ich sie nicht, mir war das doofe Zuckerzeug verboten…

Was tun? Ich musste die Dinger loswerden! In meiner Not lief ich zum Haus meiner Cousinen, in dem ja auch Onkel Hans lebte, öffnete den Briefschlitz in der Haustür und schüttete den gesamten Inhalt der kleinen Flasche einfach durch die Öffnung. Durch die Glasscheibe in der Tür konnte ich sehen, wie sich hunderte bunter Perlchen im ganzen Flur verteilten. Das hinter dem Briefschlitz kein Kasten war, hatte ich nicht bedacht. SCHOCKSTARRE! Das Bild des wütenden Onkel Hans tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich schnappte mir das leere Fläschen, sauste über den Platz, durch Oppa Jupps Garten über die Veranda  in unser Haus und versteckte mich hinter der Badezimmertür. Das leere Fläschchen ließ ich im Wäschekorb verschwinden.

Ich weiß nicht, wie lange ich hinter der Tür gestanden habe – es war eine gefühlte Ewigkeit. Scham, Angst und Ohnmacht hatten sich hinter der Tür zu mir gesellt. Ich wusste, dass das, was ich getan hatte, nicht richtig war, aber bei dem Gedanken an den donnernden Onkel Hans, versteckte ich mich lieber, blieb mit meinen verstörenden Gefühlen zitternd hinter der Tür stehen, harrend der Dinge, die da unweigerlich kommen würden. Die Dinge ließen auch nicht lange auf sich warten. Bald schon hörte ich den schimpfenden Onkel Hans über den Hof kommen, Oppa Jupp, der beschwichtigend auf ihn einredete im Schlepptau, wurde ich bald hinter der Badezimmertür gefunden und zur Rede gestellt. Mein anfänglich hilfloses Leugnen erwies sich als zwecklos, die Lüge war enttarnt, denn Onkel Hans hatte mich bei meiner Liebesperlen-Entsorgung beobachtet.
Mutter Mary, meine Oma, die inzwischen auch hinzu geeilt war, hielt den wütenden Hans im Zaum, Oppa Jupp holte Kehrblech und Besen, nahm mich bei der Hand und brachte mich über den Platz zum Ort der Unmut. Eigentlich sahen die verstreuten Liebesperlen wunderschön aus, wie sie so den tristen Flur verzierten. Oppa Jupp sagte: „Schön bunt“, grinste verschmitzt und drückte mir Kehrblech und Besen in die Hand und ich fegte jede einzelne der Perlen, die klickernd auf das Blech rollten, auf.

Nachdem wir die Liebesperlen gemeinsam im Mülleimer entsorgt hatten – erleichtert ließ ich den Deckel mit einem lauten „Rums“ zufallen – kam uns Onkel Hans, inzwischen, dank Mutter Mary, wieder etwas beruhigter entgegen. „Hans, et is doch alles juuht“, sagte Oppa Jupp und brachte mich zu seiner Gartenbank, um den obligatorischen Apfel mit mir zu teilen. Es war einer der besten Äpfel meines Lebens; tausendmal leckerer, als das bunte Zuckerzeugs.

Schimpfen war nicht mehr nötig. Ich hatte durch das Erlebte hinter der Badezimmertür definitiv meine Lektion auf mehreren Ebenen gelernt. Wäre ich von Anfang an bei der Wahrheit geblieben, hätte ich die Liebesperlen einfach nach Hause getragen, hätte ich mir zwar auch was anhören müssen, es wäre aber sachlich geklärt worden. Was ich daraus gemacht habe, war, mich von meiner Angst und Panik leiten zu lassen, die alles um so viel schlimmer gemacht hatte. Also lernte ich: Angst ist definitiv ein schlechter Ratgeber. Ich lernte noch, dass Lügen ziemlich leicht enttarnt werden können und sie deshalb kein gutes Mittel zum Zweck sind. Außerdem schüren sie nur noch mehr Angst.

Was die Verbindung zum Yoga bringt. Yoga ist Leben. Satya, die Wahrhaftigkeit – einfach übersetzt,  als das erste von Patanjalis Yamas, erkenne ich in meiner Geschichte. Immer wieder werde ich darauf gestoßen, welche Essenzen in den Yamas und Niyamas stecken und wie oft sie mir im täglichen Leben begegnen, wenn ich den Dingen mit Achtsamkeit begegne.

Durch  Oppa Jupps Art mit den Dingen umzugehen, lernte ich durch Erfahrung zu erkennen. Und ich kann nicht oft genug wiederholen, wie dankbar ich dafür bin. (Logisch war er nicht mein einziger „Erziehungsberechtigter“, aber eben ein Wesentlicher…)

Danke, Oppa Jupp!

KERSTIN HILGERS

Ich, Kerstin, auf dem geliebten Emailletöpfchen sitzend, die Erkenntnisse verkündend 😉

OPPA JUPP, DIE WÜSTE & DIE INNERE TÜR…

Oppa Jupp,die Wüste und die innere Türe.. copy

…oder wie alles mit allem verbunden ist.

Ich saß gestern hier auf dem Land an meinem Schreibtisch in der Küche, schaute durch die breite Fensterfront nach draußen auf die Scheunen und meine geliebte Linden-Kathedrale. Noch sind die Bäume kahl – der strahlend blaue Himmel, die Sonne, die sich ihren Weg klar und scharf durch die Äste schnitt, suggerierten einen nahenden Frühling. Im Grün, durchtränkt vom Regen der letzten Tage, reckten Winterlinge ihre gelben Köpfchen  dem eisigen Ostwind entgegen.

Und heute morgen präsentiert sich die Landschaft unter einer weißen Decke, die alles Grün verhüllt – von nahendem Frühling keine Spur mehr und meine Gedanken wandern zurück zu meinem Jahreswechsel in der Marokkanischen Wüste.

Den letzten Abend des alten Jahres verbrachte ich am Lagerfeuer sitzend inmitten der hohen Dünen der Sahara mit Menschen aus unterschiedlichsten Teilen der Welt – einige kannte ich, andere hatte ich kurz vorher erst kennengelernt. Da saßen Menschen aus Deutschland, Österreich, Spanien, den Vereinigten Staaten, Georgien, Israel, Bangla Desh und Marokko friedlich beisammen, über allem lag das Gefühl der Einheit, des Zusammengehörens auf diesem Planeten, der Verbundenheit.Die Trommelklänge der Sahraoui – Nomaden taten ihres hinzu um alle in einen meditativen Zustand der zufriedenen Glückseeligkeit zu versetzen, in dem Raum und Zeit überwunden werden und in dem es keine Grenzen mehr gibt. Ein atemberaubende Sternenhimmel überspannte unser Lager, führte uns die Unendlichkeit und das Sandkorndasein eines jeden Menschen vor Augen.  Wenn die Trommeln verstummten, hörte man nichts anderes, als die ohrenbetäubende Stille der Wüste, die das Knistern der Flammen laut übertönte.

Meine Gedanken schweiften  vom im Augenblick sein, vom  friedlichen wohlwollenden Miteinander der Menschen aus verschiedenen Kulturen am Feuer, zur inneren Jahresrückschau, tanzten zu Menschen, die es in meinem Leben gibt und gab und klar – irgendwann landete der Strom meiner Gedanken verdichtend bei Oppa Jupp.

Mir kam ein Satz von ihm in den Sinn, den er oft wiederholte:

Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehren würde, dann wäre die Welt in Ordnung!

Als Kind stellte ich mir dann immer alle Nachbarn vor, die gleichzeitig die Haustüren öffneten, mit einem Besen in der Hand vor die eigenen Haustüren traten und dort kehrten, was das Zeug hielt. Und ich stellte mir die Frage, warum dann die Welt in Ordnung sein sollte.
In meinem Kinderleben gab es durchaus Widrigkeiten, wie Sonntags in ein schreckliches Kleidchen gesteckt zu werden, die sich durch das Kehren der Nachbarn vor ihren Haustüren nicht bei Seite räumen ließen. Oppa Jupps Aussage hat sich meinem kleinen Kinderhirn nicht wirklich erschlossen und ich gab die Grübelei über diesen für mich absurden Satz auf – ohne ihn zu vergessen.

Viel später erst verstand ich, was Oppa Jupp damit gemeint hat: Wenn jeder gut für sich selber sorgt und dafür Sorge trägt, dass im eigenen Leben und im Leben seiner Liebsten  alles gut ist, dann kehrt man vor der eigenen Türe.

Wenn man sich auf seine eigene Stärke besinnt, an die eigenen Fähigkeiten glaubt, wenn man achtsam mit sich und seinem Umfeld ist, wenn man, um es in eine yogische Sprache zu übersetzen, die Yamas und Nyamas pflegt – dann erreichen wir einen Zustand der inneren Zufriedenheit, der es uns erlaubt nicht mehr schauen zu müssen, was der Nachbar macht, uns nicht mehr mit dem Nachbarn vergleichen zu müssen oder gar in das Leben des Nachbarn eingreifen zu müssen. Dann kehren wir vor unserer eigenen Türe. Und wenn jedem Menschen das gelingen könnte, dann wäre die Welt tatsächlich in Ordnung.

Am Lagerfeuer darüber nachsinnend, war und bin ich unendlich dankbar, an der Seite von Oppa Jupp groß geworden zu sein. Wie tief seine einfachen Weisheiten gewesen sind, weiß ich heute. Vieles davon konnte ich für mich mitnehmen. Was Oppa Jupp mir auch gezeigt hat, ist wie wichtig es ist, auch vor „der inneren Tür“ zu kehren. Seine Gedanken und sein Tun zu hinterfragen, die Motivationen, die dahinter stehen auch kritisch zu betrachten und letztendlich auf die Yamas hin zu überprüfen.

Am Lagerfeuer sitzend kam ich wieder nur zu dem einen Schluss: Oppa Jupp war ein Yogi – auch wenn ich ihn nie im Lotussitz gesehen habe oder auf dem Kopf stehend.

Für alle, die noch nie was von den fünf Yamas gehört haben: Sie gehören zum Yoga-Weg und gelten als eine Art yogische Selbstkontrolle im Umgang mit Anderen; soziale Interaktionen. Für alle anderen, die die Yamas kennen, als Auffrischung, die man beim kehren vor der eigenen Haustüre immer mal wieder betrachten darf.

Die fünf Yamas:

1. Satya Wahrhaftigkeit
2. Ahimsa Frei sein von Gewalt (körperlich und geistig), nicht verletzen – weder körperlich,    noch verbal oder im Geist
3. Asteya Ehrlichkeit, nur das besitzen , was mir zusteht
4. Aparigraha Nicht horten, frei sein von Besitzansprüchen
5.Brahmacharia  Stetes Wandeln im Göttlichen


Was in Deutschland in der Sylvesternacht geschah, erfuhr ich erst später. Was daraus folgte und immer noch folgt, erschüttert mich im tiefsten Inneren und ich wünschte mir, dass mehr Menschen vor der eigenen Haustüre gekehrt hätten…

In diesem Sinne:

Möge der Besen mit uns sein!

Kerstin

 

 

 

 

Oppa Jupp als Schüler

HAARE AUF DEN ZÄHNEN

Haare auf den Zähnen, Yoga, Yoga Hamburg, Openmindyoga
…oder es kommt immer auf die Perspektive des Betrachters an

…und was hat all das überhaupt mit Yoga zu tun. Lange liegt der letzte Blogeintrag zurück… und nach wie vor gibt es weder Telefon noch Internet bei mir auf dem Land in Neverstaven, was die Sache mit den virtuellen Geschichten eindeutig erschwert. Habt Geduld! Wie auch ich lernte, sie haben zu müssen. Es wird sich ändern. Licht am Ende des unermesslichen Telekom-Tunnels ist zu sehen…

Oppa Jupp habt ihr schon kennengelernt. Und seine Frau, Mutter Mary, meine Oma, bzw. Omi auch. Und Hättwisch, meine Mutter – die mit der orangenen Stehlampe… (Sie ärgert sich gerade jetzt, wenn sie das liest. Darüber, dass ich nichts Netteres über sie schreibe und sie Hättwisch nenne. Aber Hättwisch, Du weißt wie es gemeint ist, oder?)

Jedenfalls – es da gab es noch jemanden im Haus. Omma!

Omma Margarthe! Das war die Mutter von Oppa Jupp. Die war steinalt – sie war kurz vor 90. Omma hatte vier Zähne, lange graue Haare, von Mutter Märy täglich geflochten und zu einem imposanten Dutt hochdrapiert. Sie war die Patriarchin unserer Familie. Und thronte in einem geflochtenem Armlehnensessel – immer an der gleichen Stelle am Fenster sitzend – über ihrem Reich. Ihr Reich, das war ihr Zimmer und das Haus, der Garten und die Menschen, die sich dort aufhielten. Die Menschen waren wir. Ein Teil von Ommas Familie.

Der andere Teil lebte im Haus gegenüber oder sehr weit weg. In Düsseldorf. Für mich waren die 40km nach Düsseldorf als Kind jedes Mal eine Weltreise, wenn es Sonntags zu Tante Grete ging. Grete war die Schwester von Oppa Jupp und auch eine ganz Tolle. Und wiederum ihre Familie war auch ziemlich toll.

Diese Besuche waren trotz all der netten Menschen SCHRECKLICH!!! Eine meiner persönlichen Kinderkatastrophen. Zu diesem Besuchszweck wurde ich nämlich in ein Kleidchen gesteckt – was nie ohne lautstarkes Brüllen meinerseits geschah.( Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass es einen Kinderschutzbund gibt, ich hätte dort mit wehenden Fahnen Einzug gehalten … ) Ich liebte meine Hosen, die auf meinen Ausflügen dreckig werden konnten, mit denen man auf Bäume klettern konnte, durch Maisfelder streifen konnte, auf dem Hosenboden in verbotene Kiesgruben rutschen konnte, an denen man sich die dreckigen Finger abwischen konnte … und all die anderen tollen Sachen, die man eben mit Hosen machen konnte, ohne sie Schaden nahm. All das konnte man in einem Kleidchen nicht!
Es war zudem verboten.

Aber zurück zu Omma. Zu Omma Margarethe – von der ich eigentlich erzählen wollte. Als Kind schnappte ich mehrfach auf:
Die Omma hat Haare auf den Zähnen!
HUCH!!!!! Was war denn das? Haare auf den Zähnen? Das war mir eigentlich nie aufgefallen. Aber ich wollte der Sache unbedingt auf den Grund gehen. So versuchte ich Omma jedes Mal, wenn sie sprach, auf die vier verbliebenen Zähne zu gucken. In meiner kindlichen Phantasie erwartete ich vier Dinger in ihrem Mund zu sehen, die aussahen, wie Barba-Bo (das war der kleine, schwarze pelzige Barbapapa-Spross).
Aber ich konnte keine Haare nirgends nie entdecken. Sie hatte ganz normale Zähne – auch, wenn es nur vier waren.

Das, was die Erwachsenen sagten, blieb mir, wie so oft, ein Rätsel.Und tut es heute noch…

Dass sie kein einfacher Mensch war und dass sie dem einen oder anderen Familienmitglied das Leben nicht eben leicht gemacht hat, das weiß ich heute. Als Kind wusste ich es nicht. Ich habe sie geliebt. Sicherlich auch, weil ich den Urenkelinnenbonus genoss. Wenn ich mir bei einer quengeligen Bitte ein eindeutiges NEIN durch alle anderen familiären Generationsinstanzen abgeholt hatte, war Omma IMMER die jenige, die JA sagte. Und Ommas Wort war halt Gesetz. Also war Omma entscheidend wichtig für mein kleines Abenteuerinnenleben. Noch heute habe ich Ihre Worte in den Ohren: Nu losst dat Kink doch! (Nun lasst das Kind doch!) und mit einem Augenzwinkern zu mir gewandt sagte sie jedesmal: Wenn de ens so alt bis wie isch, denkste ens an misch. Nun bin ich gerade mal halb so alt wie Omma und denke nicht nur „ens“an sie, sondern oft.

Aber was hat das alles mit Yoga, Yoga in Hamburg Entspannung oder Meditation zu tun?

Na ja – ganz schön viel. Wer sich ein wenig tiefer mit Yoga, der philosophischen Wissenschaft dahinter und den alten Schriften beschäftigt hat, der wird erkennen, welche Vrittis hier am Werk waren… ;-). Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen…

In diesem Sinne, bis ganz bald,

Kerstin

Haare auf den Zähnen,Foto

 

Links versteckt sich Omma hinter einem Haselstrauch, rechts versteckt sich Mutter Mary hinter selbst gepflückter Petersilie und in der Mitte versuche gerade mal wieder über einen Zaun zu klettern…

ÜBER DIE FREUDE AM GLÜCK DER ANDEREN

OPENMINDYOGA Blog Hamburg, Kerstin Hilgers, Oppa Jupp

OPENMINDYOGA Blog Hamburg, Kerstin Hilgers, Oppa Jupp, Glück und Freude

oder man muss ooch jönne könne! (Oppa Jupp)
(
„Man muss auch gönnen können.“)

 

Aus Oppa Jupps Garten führte eine Treppe direkt in den Keller, genauer gesagt, direkt in die Waschküche. Einmal im Jahr –im Frühling- tünchte Oppa Jupp den Kellerabgang mit weißer Kalkfarbe – das war sein Frühjahrsputz. Auch die Gartenbank wurde einmal im Jahr generalüberholt – geschliffen, geölt und poliert. Die Ordnung der Dinge war wiederkehrend.

Einmal trug es sich zu, dass sich meine Mutter Hedi zeitgleich zu Oppa Jupps Treppenauffrischung anschickte, eine Stehlampe in fröhlich – orange zu lackieren. (Wir reden hier von den Siebzigern!) Jupp hatte die Wände geweißt, war stolz auf sein Werk, Hedi hatte die Lampe lackiert, war stolz auf ihr Werk. Jupp war ordentlich und hat Pinsel und Farbe sorgsam weggeräumt – Hedi nicht. Tschuldigung Hedi, ich weiß, dass Du an sich ordentlich bist ! (Falls Mutter den Blog lesen sollte…)

Das rief mich und mein kreatives Talent auf den Plan. Weiße Wand, oranger Lack, dicker Pinsel, dünner Pinsel – welch göttliche Vorsehung! Glückselig machte sich Oppa Jupps Enkelin  ans Werk. Weiße Wände sind wie leere Leinwände: Langweilig! Ich begann meine Mission am Fuße der Kellertreppe, arbeitete mich Stufe für Stufe nach oben nicht ohne die weiße Wand mit orangefarbenen Männchen, Blümchen, Tierchen, Strichen und Punkten zu verzieren.

Ich war glücklich!

Oben angekommen betrachtete ich voller Stolz mein Werk und stellte fest, dass die orange Farbe noch lange nicht zur Neige gegangen war. Graue Gehwegplatten sind wie graue Leinwände: Langweilig! Und Schwupps – war das Drumherum auch mit kubistisch anmutenden Malereien versehen. Tief versunken in mein Tun arbeitete ich mich Platte für Platte voran – ums halbe Haus herum, bis vor die Verandatür.

Dort flammte das Inferno! Nicht, wie ihr vielleicht denken mögt, ein schimpfender Jupp…nein, gerade als ich mich in Vollendung meines Werks befand – die Farbe ging zur neige – beschlich mich das unangenehme Gefühl: ich werde beobachtet.
Dann atmete es sehr laut und direkt vor mir. Als ich langsam auf sah, schaute ich in die abgründigste Hölle meines kleinen Lebens. Ein riesiges Ungetüm starrte auf mich herab, mit blauer Zunge, hechelnd und Geifer lief ihm aus dem Maul. Bestimmt qualmte es auch. Ich ließ die Pinsel fallen und stürmte brüllend ins Haus: „Ein Löwe, ein Bär, ein Löwe, ein Bär…“

Mutter Mary, meine Oma, die aus der Küche nach draußen stürzte, sah noch das Hinterteil von Nachbars Chow Chow, der einen Ausflug in unseren Garten gemacht hatte.

Nun, wie ist die Geschichte ausgegangen? Man sollte meinen, dass ich mächtig Ärger bekommen habe. Hab ich nicht. Der Schock, den mir das „Ungeheuer“ versetzt hatte, war „Strafe“ genug.

Tatsächlich betrachtete Oppa Jupp mein Werk, sagte: „Neeee, wat schön, Keenk!“ (Nein, wie schön, Kind!), ließ es wie es war, zeigte es stolz den Menschen, die da kamen und freute sich darüber. Und weil er sich so darüber freute, freuten sich auch die Menschen darüber. Im Frühjahr darauf, als es wieder Zeit war, die Kellertreppe zu streichen, holte er die weiße Farbe, brachte mir ein großes Holzbrett, Pinsel und bunte Farbtöpfe und während er die Treppe weißte, bemalte ich das Brett mit einem Portrait von Oppa Jupp. Das Brett gibt es noch heute.

Oppa Jupps Rheinische Weisheit „Man muss ooch jönne könne“ wird in dieser Geschichte sehr deutlich und auch die tiefe Weisheit, die dahinter steckt:

Freue Dich über das Glück anderer Menschen und vervielfältige so die vorhandene Freude. Zorn, Ärger, Neid und Eifersucht entfernen uns nur von dem Glück, was in uns liegt. Teilen ist mehr. Geteilte Freude ist potenzierte Freude.

Jede/r hat ein Recht darauf Glück und Freude zu erfahren und beides in vollen Zügen zu genießen!

Danke, Oppa Jupp!!!

OPENMINDYOGA Hamburg Blog, Kerstin Hilgers auf Entdeckungsreise, Glück

Auf dem Foto bin ich etwas jünger, als zur Treppenmalereizeit. Im Hintergrund sieht man die langweiligen, grauen Gehwegplatten. Links neben mir sieht man einen Hund. Das ist nicht der Zerberus aus meiner Geschichte. Das ist Bella, eine alte Dackeldame, die auf mich aufpasste und zur Familie gehörte. Wenn ich nicht gerade über den Gartenzaun kletterte, um auf Entdeckungstour zu gehen. Da kam sie nämlich nicht rüber.

(Ich habe lange geglaubt, niemand würde meine Ausflüge bemerken! Leider zeugen viele Fotos davon, dass ich doch beobachtet wurde…)

 

es gibt nur einen weg. deinen.

OPENMINYOGA Hamburg Blog, Foto: Kerstin Hilgers

es gibt nur einen weg. deinen

Freud hatte eine Couch, Oppa Jupp hatte eine Gartenbank…

 

… was Freud, Oppa Jupp, die Couch und die Gartenbank mit dem Weg zu tun haben, dazu komme ich später.

Erstmal möchte ich über eine Sache schreiben, die zu erklären uns sehr am Herzen liegt. Es geht um den Untertitel

es gibt nur einen weg. deinen.

der seit der Neugestaltung unserer Webseite unter unserem OPENMINDYOGA-Logo steht. Mit diesem orthographisch wie inhaltlich eigenwilligem Satz, wollen wir nicht ausdrücken, dass das Ego entwickelt werden soll. Darum geht es im Yoga nicht. Im Gegenteil. Das Ego soll überwunden werden, um den Teufelskreis von Anhaftung und Schmerz zu durchbrechen. (Wer tiefer in die Marterie einsteigen will, dem seien die alten Yoga-Schriften, allen voran Patanjali, ans Herz gelegt. Fragt uns gerne!)

es gibt nur einen weg. deinen.

heißt für uns, dass der Weg, den wir dabei wählen, individuell ist. Es gibt kein Patentrezept zur Egoüberwindung. Der Weg dorthin ist für jeden Menschen anders und nachdem es so viele Realitäten gibt, wie es Menschen gibt, gibt es ebenso viele Wege, die zu dem einen Ziel führen. Yoga kann ein Weg sein.
Den für sich richtigen Weg muss jeder Mensch alleine finden und  auch gehen. Das ist dann der eine weg. deiner.

Ein kleiner Exkurs zu Oppa Jupp und dem drumherum. Oppa Jupp hatte – na klar – auch eine Ehefrau. (Logisch! Sonst gäbe es meine Mutter und folglich auch mich nicht!) Oppa Jupps Ehefrau hieß Maria und war meine Oma. Aber Maria hieß nicht Maria, sondern Mutter Mary und schon gar nicht Oma oder Omma. Mutter Mary war das ziemliche Gegenteil von Oppa Jupp, der ruhig, verschmitzt, ein zartes, sensibles Pflänzchen und, wie Ihr wisst, Gärtner war. Mutter Mary war Köchin, führte das Regiment über eine große Hotelküche, kochte und dampfte in allen Gassen. Buchstäblich und in echt.

Mutter Mary, großes Herz, große Schnauze. Oppa Jupp, großes Herz, kein Wort zu viel.

(Dass ich meine Kindheit nicht nur im Sandkasten von Oppa Jupps Garten und am Zipfel seiner Latzhose verbracht habe, sondern auch zwischen riesigen Töpfen in einer großen Küche am Zipfel von Mutter Marys Kochschürze ist eine  Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden will. Auch dass es eine an die Küche angrenzende Wirtschaft gab, über deren Tresen ich wie eine kleine Zaunkönigin regierte … )

Jedenfalls hatten Oppa Jupp und Mutter Mary bei aller Unterschiedlichkeit in ihrer Art etwas wesentliches Gemeinsames. Nämlich das große Herz und die Liebe zur Schöpfung egal wo sie sich manifestierte – ob in der Natur, in den Tieren oder den Menschen… und bei letzteren eine unglaubliche Toleranz für die jeweiligen Wege, die diese gingen oder gehen mussten.  Womit wir wieder beim Thema unsere Unterzeile sind:

es gibt nur einen weg. deinen.

oder „Jedem Tierschen, sein Plässierschen!“ (So sacht man dat im Rheinland). Und so sagten und lebten es auch Oppa Jupp und Mutter Mary. Auch hier kann ich nur wieder sagen: Ich bin dankbar und glücklich, dass ich mit solchen Menschen aufwachsen durfte.

Was aber hat es nun mit Freud und der Couch und Oppa Jupp und der Gartenbank auf sich?

Freud war, wie wir alle wissen, Psychoanalytiker und hatte eine Couch. Auf diese Couch legten sich die Menschen und erzählten ihre Geschichten, während Freud zuhörte und sie analysierte.

Jupp war, wie wir nun auch alle wissen, Gärtner und hatte eine Gartenbank. Auf diese Gartenbank setzten sich die Menschen und erzählten ihre Geschichten, während Jupp zuhörte und – nichts weiter.

Jupp saß auf seiner Gartenbank, die Menschen setzten sich zu ihm oder warteten geduldig  auf der leeren Gartenbank, bis Jupp sich nach getaner Arbeit zu ihnen setze. Dann erzählten sie ihre Geschichten und Jupp hörte einfach zu. Manchmal hörte man ein „Hmmmh“ oder “ HmmmhHmmmh“ von ihm, als Bestätigung, dass er zuhörte, ab und an ein “ Jooh“,  als Bestätigung, dass er verstand und  ein „Oooch neeeeej“, wenn es sehr ernst und traurig wurde. Wie gesagt, kein Wort zu viel. Wenn dann die Menschen ausgeredet hatten, holte Jupp den obligatorischen Apfel, kramte sein Taschenmesser aus einer der Latzhosentaschen, teilte den Apfel in kleine Schnitze und aß schweigend den Apfel mit den Menschen. Irgendwas passierte.
Denn als die Menschen aufstanden , sahen sie ruhiger und zufriedener aus und das Sein, wie es eben war, schien leichter geworden zu sein. Das war eine große Gabe von Oppa Jupp. Da sein, zuhören und den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass alles gut wird oder gar gut ist, ohne dass er was dazu gesagt hatte.

Woher ich das weiß? Ich war ja da. Buddelte in meiner Sandkiste, zählte Ameisen, ließ Hummeln brummen, steckte Stöckchen in Maulwurfhügel oder „hinkelte“ den Gartenweg entlang – nicht ohne vorher mit diesen roten Schiefersteinen Kästchen gemalt zu haben, oder oder oder… ich war jedenfalls da und habe die Menschen auf der Gartenbamk gesehen.

In diesem Sinne, Euch allen alles Liebe, viel Glück auf Euren Wegen und möge die Macht mit Euch sein, Euren einen Weg zu finden und zu gehen,

bis bald, Kerstin

Auf dem Foto oben, seht Ihr einen Weg, der in die Wüste führt. Einen Weg, den ich gegangen bin und immer wieder gehen werde. den einen weg. meinen.

Wenn Euch unser BLOG gefällt, begleitet uns auf unseren Wegen, lasst uns teilhaben an Euren Wegen. … TEILEN ist mehr… aus einem GANZEN wird ein VIELFACHES … teilt gerne auch unseren BLOG – wir freuen UNS auf EUCH… freut EUCH auf UNS…

Foto: Kerstin Hilgers

 

 

ET IS, WIE ET IS UN ET KÜTT, WIE ET KÜTT! JUPP

OPENMINDYOGA Hamburg, Et is, wie et is, Blog

OPENMINDYOGA Hamburg, Et is, wie et is, Blog

Mein Großvater hieß Josef, meine Großmutter hieß Maria und meine Mutter heißt nicht Jesus.

Auch war mein Großvater nicht Zimmermann, sondern Gärtner, er kam auch nicht aus Nazaret sondern aus Wickrath. Und das liegt im Rheinland. Entsprechend hieß Josef auch nicht Josef, sondern Jupp und auch nicht Großvater, sondern Oppa Jupp oder Oppa oder Jupp.

Und wer auf unserer ÜBER UNS – Seite schon mal meinen Text überflogen hat, der ist dort Oppa Jupp auch schon begegnet. Das ist der weise Großvater, der zufrieden auf seiner Gartenbank saß und die großen Rheinischen Lehren verkündete:

Et is, wie et is;
et kütt, wie et kütt!

Und Oppa Jupp war ein Mensch, der diese Rheinischen Lehren (da gibt es noch ein paar mehr, die Ihr im Laufe der Zeit kennenlernen werdet) nicht nur verkündete, sondern sie aus seinem Inneren heraus lebte. Im Laufe der Zeit und beim reflektieren über meine Kindheit und meine Familie – ich praktizierte da schon länger Yoga – stand mir klar vor Augen: Ich hatte all die Jahre meiner Kindheit und Jugend mit Oppa Jupp verbracht, ohne zu merken: Jupp war ein Yogi!!!! Als es mir bewusst geworden ist, da war Jupp schon tot. War in Mahasamadhi übergegangen – nach einem langen, sehr zufriedenen Leben – das durchaus viele Höhen und ebenso viele Tiefen mit einigen „Schicksalsschlägen“ hatte.

Jedenfalls bin ich mit Opa Jupp groß geworden und hing unablässig an seinem Rock – Pardon – Latzhosenzipfel. Er hat mich schließlich fast 40 Jahre meines eigenen Lebens begleitet und darüber bin ich sehr dankbar und glücklich.
Über all das was er mir mitgegeben hat, was er mir gezeigt und erklärt hat und über die viele Zeit, die wir schweigend in unseren Arbeiten versunken, miteinander verbracht haben.

Wenn Opa Jupp zum Beispiel den Garten umgegraben hat, dann saß ich in meiner Sandkiste – ein alter großer Treckerreifen, den Jupp mit Sand von der Baustelle eines Nachbarn gefüllt hatte, und imitierte ihn. Dabei beobachtete ich genau, was Jupp tat und setzte es in meinem Sandreich eins zu eins um.

(Als ich älter wurde, bekam ich ein eigenes, abgegrenztes Stückchen Land im richtigen Garten, aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden will.)

Aus meiner kindlichen Perspektive betrachtet, war das Stück Land, das Jupp umgraben musste, unendlich groß, Abermillionen Spatenstiche mussten getan werden. Und je mehr Spatenstiche er mit den immer gleichen Bewegungen und im immer gleichen Tempo machte, desto mehr versank er in eine Art Trance. War physisch ganz in meiner Nähe und doch ganz weit weg. Heute weiß ich, dass er nichts anderes gemacht hat, als eine ganz natürliche Bewegungsmeditation zu praktizieren, die ihn in seine Mitte brachte und aus der er erst wieder auftauchte, wenn er seinen letzten Spatenstich getan hatte. Darauf habe ich immer gewartet. Dann stützte er sich auf dem Spaten ab, zog das große blau-gelb karierte Stofftaschentuch aus seiner grünen Gärtnerlatzhose, wischte sich bedächtig den Schweiß von der Stirn und betrachtete zufrieden sein Werk, bevor zu mir sah und mein Werk bewunderte.
Ich hatte in der Zwischenzeit die Grenzen meines Treckkerreifens längst überwunden und den Sand in einem großen Radius drumherum verteilt, war ebenfalls glücklich über das, was ich geschafft hatte. Jupp kam dann mit dem ihm eigenen Schmunzeln, das unweigerlich in ein breites Grinsen überging und der großen Schaufel zu mir rüber und gemeinsam schaufelten wir den Sand zurück in das Reich seiner reiflichen Begrenzung.

Dann nahm er einen grauen, gerippten Lappen von der Wäscheleine (erst viel später erkannte ich, dass es Überreste von Jupps langen Unterhosen oder Unterhemden waren), wischte unsere Schaufeln sauber und machte sich auf den Weg zu besagter Gartenbank. Ich trottelte hinterher. Angekommen hob er mich hoch , setzte erst mich und dann sich auf die Bank, zog zwei Bonbons oder zwei Äpfel aus einer der vielen Latzhosentaschen – irgendwo war immer irgendwas leckeres drin – und dann saßen wir zwei da eine Weile auf der Bank und schmatzten und schauten und waren zufrieden.

„Et is, wie et is“ – der Garten muss nun mal umgegraben werden,
„Et kütt, wie et kütt“ – ob es nun regnet oder die Sonne scheint. Das entzieht sich unserem Einfluss.

„Et is, wie et is un et kütt, wie et kütt!“ Und genau so wie es ist und wie es kommt, ist es gut!

Unzählige Erinnerungen und Geschichten an und von Oppa Jupp gibt es und die ein oder andere werde ich mit Euch auf diesem Blog teilen. Es lohnt sich ihn besser kennen zu lernen!

In diesem Sinne wünsche ich Euch alles Liebe, freue mich darauf, Euch bei den nächsten Geschichten wieder zu treffen, bis bald,

Kerstin

Jupp mit Möhre

 

 

 

 

Auf dem Foto ist Opa Jupp so um rum 80. Er meinte, für eine Rose im Mund, sei er nun doch allmählich zu alt. Ob die Möhre seinem Alter entsprechend seriöser ist, wage ich allerdings zu bezweifeln?!

Und es gibt tatsächlich Fotos von Jupp in jungen Jahren mit Rose im Mund! Allerdings hat er da keine grüne Latzhose an.